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Tiny Houses - weniger ist mehr!

Sie sind klein, pragmatisch, nachhaltig und sie sind cool: Tiny Houses liegen im Trend. Doch kann man so einfach ein Tiny House bauen und fröhlich drin wohnen? Was sagt das deutsche Baurecht zum Trend? Wie kann ich mein Tiny House versichern? Und nicht zuletzt: Was kostet der Spaß überhaupt?

Tiny Houses dienen als Heim für Aussteiger oder als  Wochenendhäuschen für gestresste Großstädter.

Eine allgemeingültige Definition für Tiny Houses gibt es nicht. Meistens wird ein auf ein Fahrgestell gebautes Holzhäuschen damit gemeint. Es gibt aber auch feststehende Minihäuschen mit Fundament. Die Größe beträgt weniger als 50 qm.

Kleinsthäuser auf Rädern

Tiny Houses sind zum Sinnbild einer nach Alternativen dürstenden High-Speed-Gesellschaft geworden. Vereinfachung statt Überforderung, Bewusstheit statt Konsum, viel weniger statt viel zu viel. Immer mehr Menschen suchen nach kreativen Wohnkonzepten. Entweder sind Tiny Houses Wochenend-Alternative zum Ausspannen für gestresste Großstädter oder ein neuer Aussteiger-Lebensentwurf, in dessen Mittelpunkt Nachhaltigkeit steht. Treibende Kraft ist die Erkenntnis, dass Besitz von zu viel Krempel nicht dauerhaft glücklich macht.  Weniger ist mehr.Tiny Houses sind es einfach.

Und es hat nicht den Anschein, dass es sich bei den Kleinsthäusern auf Rädern um einen kurzlebigen Trend handelt. In Zeiten aus den Nähten platzender Metropolen ist Phantasie gefragt. Nachhaltige Wohnkonzepte gelten gleichzeitig auch als Antwort auf den Klimawandel.

Downsizing als Lebensphilosophie

Das dazugehörige Buzzword lautet Downsizing und kommt natürlich aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Unter Downsizing versteht man eine materiell und räumlich bewusst eingeschränkte Lebensweise. Dass es in USA ein „Tiny House-Movement“ gibt, hat historisch allerdings einen weniger romantischen Hintergrund. Den Ursprung sehen viele Experten in der Finanzkrise von 2008. Damals ist nämlich nicht nur eine Bank in Konkurs gegangen, sondern auch zwei der wichtigsten Baufinanzierungsunternehmen der USA. Die Folgen waren für Millionen Amerikaner drastisch, sie verloren quasi über Nacht ihr Zuhause, immer mehr Trailerparks für Mobile Homes entstanden. Downsizing war vor diesem Hintergrund keine weltanschaulich motivierte Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit.

Doch was ist eigentlich ein Tiny House? Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Tiny Houses: Bewegliche und fest stehende. Die Grenzen zwischen Tiny Houses und bewohnbaren Bauwagen sind fließend. Eine allgemeingültige Definition gibt also nicht. In den meisten Fällen wird unter einem trendigen Tiny House ein auf ein Fahrgestell gebautes Holzhäuschen verstanden. Tiny, also „klein“ ist es, wenn es eine Grundfläche von weniger als 50 Quadratmetern aufweist.

Straßenverkehrsamt: Was ist erlaubt?

Und da geht es in Deutschland schon los. Welche Anforderungen muss das Ensemble aus Haus und Fahrgestell erfüllen, um überhaupt auf Deutschlands Straßen rollen zu dürfen? Zunächst muss das Fahrgestell vom Straßenverkehrsamt für den Straßenverkehr zugelassen werden. Zentrales Kriterium ist bei den Tiny Houses das Gesamtgewicht: Das darf 3,5 Tonnen nicht überschreiten. Das Haus darf nicht breiter als 2,55 Meter sein und nicht höher als 4 Meter. Die amtlich erlaubte Länge eines Tiny House liegt zwischen 7 und 9 Metern und hängt im Einzelfall auch von der Bausweise ab. Bei reinen Holzkonstruktionen sind 7 Meter das Ende der Fahnenstange.

Tiny Houses werden sowohl mit Holz- als auch mit Stahlgerüsten aufgebaut. Die Vorschriften darüber, wie groß und wie schwer ein Tiny House sein darf, haben in beiden Fällen großen Einfluss auf die Bauweise. Die Hersteller drehen jedes Gramm einzeln um und bilden industrielle Leichtbaukonzepte in einem kleineren Maßstab ab. Das betrifft zum Beispiel die Wärmedämmung. Hier werden meistens leichte Kunststoff-Styroporplatten verbaut um Gewicht einzusparen. Was logisch klingt, ist gleichzeitig wieder Diskussionsstoff. Denn gerade in Deutschland legen viele Interessenten für Tiny Houses besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit der Baumaterialien. Da passt Styropor nicht ins Bild.

Tiny Houses sind ein Korrektiv, denn sie zwingen ihre Bewohner vor Einzug genau zu überlegen, was sie wirklich brauchen. Selbst wenn man wollte: Zehn Paar Sneaker, vier weiße Jeans, Antiquitätensammlungen, Marmorbadezimmer, mehrere Kinderzimmer und die drei Meter breite Comicsammlung finden einfach keinen Platz in Tiny Houses.

Die schnuckeligen Hexenhäuschen verfügen über ein Platzangebot, das man bisher nur von WG-Zimmern gewohnt war: Zwischen 15 und 20 Quadratmeter groß  ist ein Tiny House reinsten Wassers. Mit zusätzlichem Stauraum oder Hochbetten kommen auch schon mal 30 Quadratmeter tatsächliche Nutzfläche zusammen. Damit spiegeln Tiny Houses auch demografische und soziale Veränderungen: Die kleinen Häuser sind auf die Bedürfnisse von Singles zugezimmert und nicht auf die von Familien. Dazu passt die Statistik, dass jeder fünfte Erwachsene in Deutschland allein lebt.

Standortbestimmung

Darf ich in Deutschland ein Tiny House auf meinem Grundstück aufstellen? Die Antwort lautet: Sekunde mal bitte! Das deutsche Baurecht ist relativ humorlos, wenn jemand einfach ein Haus auf sein Grundstück stellen will. Die zentrale Frage lautet dabei immer: Soll das Tiny House ganzjährig als fester Wohnsitz bewohnt werden oder als Feriendomizil wie ein Wohnwagen? Ist es mobil oder nicht? Dabei spielt es keine Rolle, dass es auf einem Fahrgestell steht: Wenn es ein dauerhaft immobiler Wohnort sein soll, dann gelten in Deutschland dieselben Bestimmungen wie für das Hochziehen eines Einfamilienhauses. Hier wiederum kommt das Bauamt ins Spiel.

Bei dauerhafter Bewohnung gilt das Tiny House als ganz normales Gebäude mit der Konsequenz, dass nur eine grüne Wiese sein eigen zu nennen bei weitem nicht ausreicht. Eine Baugenehmigung ist Voraussetzung. Damit das vorgesehene Grundstück als Baugrundstück anerkannt wird, muss beim Bauamt ein Bauantrag durch einen Bauvorlageberechtigten, also einem Architekten, gestellt werden. Das Tiny House muss ebenfalls zwingend an das öffentliche Wasser- und Stromnetz angeschlossen werden. Dass es darüber hinaus u.a. auch der Energieeinsparverordnung (EnEV) für Neubauten zu entsprechen hat, kann nicht verwundern.

Unterschied Wohnwagen und Mobilheim

Um sich vor Augen zu führen, wie differenziert die Rechtslage für alternative Wohn- und Freizeitmodelle, lohnt sich ein kurzer Blick auf die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Tiny House, Mobile Home und Wohnwagen. Tiny Houses sind als einzige in diesem Trio als vollwertige Wohngebäude konzipiert. Während Wohnwagen gemäß § 10 BauNVo ohne besondere Genehmigung auf so genannten Sondergebieten für die Freizeitgestaltung, also Campingplätzen, aufgestellt und genutzt werden dürfen, gelten Mobilheime als teilmobile Freizeiteinrichtungen, die grundsätzlich keine Straßenzulassung erhalten, die auf Wochenendplätzen und unter bestimmten Voraussetzungen auch auf Campingplätzen abgestellt werden dürfen.

Der große Unterschied besteht aber darin, dass das Tiny House im Unterschied zu den beiden Alternativen theoretisch auf allen Grundstücken aufgestellt werden kann: Campingplatz, Wochenendplatz und Baugrundstück. Steht ein Tiny House auf einem Campingplatz, unterliegt es nicht der Baugenehmigungspflicht, sondern wird rechtlich und versicherungstechnisch wie ein Wohnwagen behandelt. Dann kommt auch eine Campingversicherung in Frage, wie sie etwa der ADAC für Wohnwagen und Mobilheime anbietet. Voraussetzung für die Versicherungsfähigkeit ist dann allerdings, dass das Tiny House auch wirklich auf einem offiziellen Campingplatz steht. Doch Achtung: In diesem Falle dürfte das Tiny House wiederum nicht dauerhaft bewohnt werden.

Kosten

Die Kosten für ein Tiny House sind zwischen 20.000 und 100.000 Euro angesiedelt. Wer selber baut spart und kann schon mit 20.000 ein behagliches  Zuhause zusammenzimmern. Nach oben gibt es wie so oft keine Grenzen. In Deutschland gibt es inzwischen verschiedene Manufakturen, die Tiny Houses auf Bestellung individuell fertigen. Im Preis inbegriffen ist immer die strikte Einhaltung sämtlicher Vorschriften und ein sensibel austariertes Energieprofil des alternativen Zuhauses.

Tiny House versichern

Bleibt noch die Frage, wie man ein Tiny House versichert. Welche Versicherung die richtige ist, hängt nicht nur von der Größe der Behausung ab. Sondern vor allem von seinem Standort. Bei feststehenden Tiny Houses greift die klassische Gebäudeversicherung für kleine Häuser. Diese ist frei kombinierbar mit einer Hausratversicherung. Ist das Tiny House bewusst als mobile Einheit klassifiziert, die an unterschiedlichen Orten steht, ist eine Wohnwagenversicherung angezeigt. Dass hier unterschieden wird, hat einen plausiblen Grund: Bei der Einschätzung des Versicherungsrisikos spielt der Standort eine zentrale Rolle. Bei Tiny Houses, die mal hier und mal dort stehen, fällt diese Einschätzung naturgemäß schwerer.

Der baurechtliche Gesetzesrahmen hat entscheidenden Einfluss auf die Möglichkeiten, ein Tiny House zu versichern. Obwohl die Entwicklung spezieller Tiny-House-Versicherungen in Deutschland noch am Anfang steht, gibt es einzelne Versicherer, die das Thema bereits für sich entdeckt haben. Die entsprechenden Pakete spiegeln die Regularien des Baurechts. Damit die Wohngebäude- und Hausratversicherung greift, müssen Tiny Houses ständig bewohnt sein, eine Verbindung mit Ent- und Versorgungseinheiten aufweisen, also Strom und Wasser, und es muss eine gültige Baugenehmigung vorliegen. Ist das Tiny House aber nur zum gelegentlichen Chillen im eigenen Garten gedacht, sieht es schon wieder anders aus: Steht ein Tiny House auf einem Grundstück mit einem „Haupthaus“, ist es zum Beispiel bei der GEV bis 40 qm Wohnfläche als Nebengebäude über den Hauptvertrag mitversichert.

Fast von selbst versteht sich, dass das Fahrgestell und die das Tiny House ziehende Einheit zwingend der Kfz-Haftpflichtversicherung unterliegen. Wer sein Tiny House auf einem Fahrgestell mit einem Kfz über Deutschlands Straßen zieht, darf nicht vergessen, den Anhänger zusätzlich haftpflicht zu versichern, da der Anhänger nicht automatisch von der Kfz-Versicherung erfasst wird.

Quo vadis Tiny House?

In Deutschland wird es neben Versicherungs- und Baurechtsfragen künftig vor allem darum gehen, wo das Tiny House überhaupt hin soll. Durch das  knappe Platzangebot in Städten kann das Motto nur „Zurück zur Natur“ lauten. Das hat auch eine philosophische Komponente: Alle die bereits Tiny Houses am Busen der Natur bewohnen, berichten von einem Wechsel der Wahrnehmung. Mit dem Leben im Tiny House wird die Umgebung, das Draußen, wichtiger denn je. Wenn man so will: Das Zuhause wird kleiner, die Welt aber größer.

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